Ist Pascolini wie ein Tarrantino-Film? Mit dieser Frage konfrontierte mich gestern bei meiner Lesung im Literaturhaus in der Fasanenstraße ein Zuhörer und stürzte mich damit einigermaßen in Verwirrung.
Tarrantino ist ein großer Könner. Insofern ist so ein Vergleich natürlich schmeichelhaft. Trotzdem passte mir gestern abend etwas nicht daran, ohne dass ich artikulieren konnte, was.
Jetzt habe ich ein bisschen drüber nachgedacht und will versuchen, die Antwort, die ich gestern schuldig geblieben bin, nachzureichen:
Tarrantinos Filme sind fürchterlich gewalttätig. Pascolini auch.
Tarrantino legt eine verstörende Distanz zwischen die Fürchterlichkeit dessen, was passiert, und die Art und Weise, davon zu erzählen. Pascolini auch.
Tarrantino nutzt diese Distanz, um seine Filme gegenüber der Welt ironisch abzuschließen: Ist doch alles nur ein selbstreferenzieller Spaß, selbst wenn da einer mit einem rostigen Messer skalpiert wird. Seine Filme machen immun. Sie verhalten sich zu Gewalt so wie Johnny Knoxvilles Jackass zu Schmerz.
Pascolini nicht. Ganz im Gegenteil. Hoffe ich zumindest.
In Deutschland wird erst seit 1975 gekokst
Noch etwas war neu für mich an dem Abend im Literaturhaus: Das weiße Pulver, das Pascolini und seine Bande schmuggeln – ob das realistisch sei, wollte ein Zuhörer wissen. Koks habe es doch in der Nachkriegszeit in Deutschland noch gar nicht gegeben.
Meine Antwort war, der Roman spiele doch ohnehin vor der Folie eines fiktiven Geschichtsverlaufs. Wenn ich da nun auch noch Kokainschmuggel in den 50er Jahren dazuerfinde, sei das doch wahrhaftig auch schon egal. Tatsächlich hatte ich bis zum gestrigen Abend noch nie darüber nachgedacht, und darüber bin ich eigentlich froh. Ich könnte nie einen historischen Roman schreiben, weil ich die ganze Zeit damit zubringen würde, mir über die richtige Grenzziehung zwischen Fiktion und Rekonstruktion den Kopf zu zerbrechen.
Nach der Veranstaltung hat mir ein anderer Zuhörer versichert, im großen Stil gekokst werde in Deutschland tatsächlich erst seit 1975. Er wisse das, weil er damals als Arzt in der Psychiatrie gearbeitet habe.
Bei Ernest Wichner, dem Gastgeber und Moderator, bedanke ich mich sehr. Er ist das striktest vorstellbare Gegenteil von einem Dampfplauderer. Trotzdem bzw. deswegen haben wir uns vor der Veranstaltung so gut unterhalten, dass wir die Zeit vergaßen und zwanzig Minuten zu spät kamen zu unser eigenen Lesung.
Und bei allen Freunden, Bekannten, Verwandten und Lesern, die gekommen sind und mir zugehört haben, bedanke ich mich auch. Es war ein toller Abend.