Bayernversteher und Flötisten

May 27th, 2010

Am übernächsten Sonntag, den 6. Juni, wird Gerd Püschel beim Literaturfest auf dem Kollwitzplatz Pascolini-Bücher in hoffentlich großer Zahl verscherbeln, und nicht nur das, sondern auch T-Shirts im Pascolini-Design mit dem sinnigen Aufdruck “Bayernversteher” – so wird Gerd, der als Vertreter des Aufbau-Verlags den Berliner Buchhändlern auf das Enthusiastischste den Wert des Buches nahezubringen versucht, von seinen Kunden nämlich seit neuestem genannt.

In der Woche drauf lese ich in Rosenheim in der Buchhandlung Frohne. In Rosenheim bin ich zur Schule gegangen, auf das Ignaz-Günther-Gymnasium. Da haben auch Edmund Stoiber und Karl-Theodor zu Guttemberg Abitur gemacht, letzterer war eine Klasse unter mir (ich erinnere mich aber nicht an ihn). Mein 20-jähriges Abitreffen vor zwei Wochen habe ich verpasst. Ich bin gespannt, wie viele frühere Mitschüler am 10. Juni aufkreuzen werden. Und auch sonst auf das Echo in der Heimat. Hoffentlich wird’s kein Haberfeldtreiben.

Am 12. Juni lese ich ebenfalls vor lokalkoloriertem Hintergrund: Die Ehemaligen des Landschulheims Schondorf am Ammersee treffen sich in Berlin und haben mich zur Lesung eingeladen. In Schondorf war mein Vater und Dutzende meiner Onkels, Tanten und Vorfahren – ich nicht, mir hat Internat nie gelegen. Aber auf die Begegnung mit den “Altlandheimern” (so nennen die sich) freue ich mich.

Am 16. Juni bin ich wieder in Berlin zu hören, im Café Ilse Hühnchen in der Winsstraße. Das ist am Prenzlauer Berg und fern jeder Bayern-Assoziation – aber ganz so fern auch wieder nicht: Denn Wirt Sascha Friedl ist nicht nur einer der besten Kaffeebrauer der Stadt, sondern auch ein fantastischer Musiker, Flötist, und unüberhörbar ein bayerischer Landsmann, und als solchen kenne ich ihn seit meiner Rosenheimer Schulzeit. Ein weiterer Spitzenflötist, mein Freund Philipp Sterzer, wird zusammen mit dem Akkordeonisten Gerhard Schiewe spielen, ich werde lesen, es wird bestimmt ein toller Abend.

Und am Tag darauf bin ich im Buchhändlerkeller in Charlottenburg zu Gast – ein Ort mit großer Tradition.

Meine Videolesung auf ZEIT Online

May 21st, 2010

… ist hier zu finden.

Ich? Hinterfotzig?

May 11th, 2010

Das Buchjournal empfiehlt Pascolini seinen Lesern auf das Wärmste und charakterisiert mich zu meinem großen Vergnügen als jemand, dem

als ehemaligem Parlamentskorrespondenten des „Handelsblatts“ in Berlin keine Hinterfotzigkeit fremd

ist.

Pascolini und Tarrantino

May 5th, 2010

Ist Pascolini wie ein Tarrantino-Film? Mit dieser Frage konfrontierte mich gestern bei meiner Lesung im Literaturhaus in der Fasanenstraße ein Zuhörer und stürzte mich damit einigermaßen in Verwirrung.

Tarrantino ist ein großer Könner. Insofern ist so ein Vergleich natürlich schmeichelhaft. Trotzdem passte mir gestern abend etwas nicht daran, ohne dass ich artikulieren konnte, was.

Jetzt habe ich ein bisschen drüber nachgedacht und will versuchen, die Antwort, die ich gestern schuldig geblieben bin, nachzureichen:

Tarrantinos Filme sind fürchterlich gewalttätig. Pascolini auch.

Tarrantino legt eine verstörende Distanz zwischen die Fürchterlichkeit dessen, was passiert, und die Art und Weise, davon zu erzählen. Pascolini auch.

Tarrantino nutzt diese Distanz, um seine Filme gegenüber der Welt ironisch abzuschließen: Ist doch alles nur ein selbstreferenzieller Spaß, selbst wenn da einer mit einem rostigen Messer skalpiert wird. Seine Filme machen immun. Sie verhalten sich zu Gewalt so wie Johnny Knoxvilles Jackass zu Schmerz.

Pascolini nicht. Ganz im Gegenteil. Hoffe ich zumindest.

In Deutschland wird erst seit 1975 gekokst

Noch etwas war neu für mich an dem Abend im Literaturhaus: Das weiße Pulver, das Pascolini und seine Bande schmuggeln – ob das realistisch sei, wollte ein Zuhörer wissen. Koks habe es doch in der Nachkriegszeit in Deutschland noch gar nicht gegeben.

Meine Antwort war, der Roman spiele doch ohnehin vor der Folie eines fiktiven Geschichtsverlaufs. Wenn ich da nun auch noch Kokainschmuggel in den 50er Jahren dazuerfinde, sei das doch wahrhaftig auch schon egal. Tatsächlich hatte ich bis zum gestrigen Abend noch nie darüber nachgedacht, und darüber bin ich eigentlich froh. Ich könnte nie einen historischen Roman schreiben, weil ich die ganze Zeit damit zubringen würde, mir über die richtige Grenzziehung zwischen Fiktion und Rekonstruktion den Kopf zu zerbrechen.

Nach der Veranstaltung hat mir ein anderer Zuhörer versichert, im großen Stil gekokst werde in Deutschland tatsächlich erst seit 1975. Er wisse das, weil er damals als Arzt in der Psychiatrie gearbeitet habe.

Bei Ernest Wichner, dem Gastgeber und Moderator, bedanke ich mich sehr. Er ist das striktest vorstellbare Gegenteil von einem Dampfplauderer. Trotzdem bzw. deswegen haben wir uns vor der Veranstaltung so gut unterhalten, dass wir die Zeit vergaßen und zwanzig Minuten zu spät kamen zu unser eigenen Lesung.

Und bei allen Freunden, Bekannten, Verwandten und Lesern, die gekommen sind und mir zugehört haben, bedanke ich mich auch. Es war ein toller Abend.