TENNISCLUB SCHWARZ-WEIß ETTENGRUB
Wir mochten Heiner Flögesheim nicht besonders. Wir hielten ihn für dumm, grob und verschlagen. Er war der Trainer und glaubte es sich und dem Clubvorstand, der ihn angestellt hatte und bezahlte, schuldig zu sein, die Nähe der Jugend zu suchen und sich bei dieser Suche nicht entmutigen zu lassen. Immer wieder kam er zu uns, ein gezwungenes Lächeln im Gesicht und den Tennisschläger locker auf der Schulter, wenn wir, erhitzt vom ziellosen Herumalbern auf dem Platz, beisammensaßen und Limonade tranken, wippte ein wenig in den Sprunggelenken auf und ab und stellte eine nichtssagende Frage, ob alles klar sei, was gehe oder dergleichen, die wir unbeantwortet ließen. Es war nicht zu übersehen, dass uns Macht über ihn verliehen war. Wir machten Gebrauch von ihr, indem wir ihn einfach ansahen, mitleidlos und ohne Neugier an unseren Strohalmen sogen, und Marina sagte leise und wie für sich: Der Heiner. Sie lächelte ein wenig dabei, gleichsam kopfschüttelnd. Der Heiner, der Heiner, der Heiner. Der Heiner wippte und biss die Zähne aufeinander, und wenn er jetzt noch nicht aufgab und ging, dann stand Marina seufzend auf und bat ihn, ihr noch einmal die Schulterstellung bei der Rückhand zu zeigen, mit einer Stimme, als tue sie es ihm zuliebe.
Marina brachte Männer leicht aus der Fassung. Sie war ein großes starkes Mädchen mit kräftigen Gliedmaßen und langen dunkelbraunen Locken, und vor allem – Adam hatte mich darauf aufmerksam gemacht, von allein hätte ich es gar nicht zu benennen gewusst – war ihr ein ungewöhnlich intensiver Körpergeruch zueigen, ein vegetabiler Duft nicht unähnlich dem einer Tomatenpflanze im dampfigen Treibhaus, mit dem Männer überhaupt nicht leicht fertig wurden. Sie stellte sich in Positur, den Schläger in der Rückhand, und blickte Flögesheim abwartend an: So? Flögesheim erklärte, nein, rechte Schulter runter, Fuß bisschen zurück, doch Marina verstand nicht. Er machte es ihr vor, führte den Musterschlag langsam und überdeutlich aus, auf dass die sture Schöne endlich begreife, doch die weigerte sich und zog die rechte Schulter immer höher, reckte den Ellbogen auf unmögliche Weise nach vorne, bis der unglückselige Trainer schließlich – es ging nicht anders – hinter sie trat und ihre Haltung behutsam zu korrigieren versuchte, sie mit zwei Fingern an der Schulter fasste, mit einem leichten Griff an das Ellbogengelenk. Kaum aber hatte er sie berührt, da erstarrte sie, gefror förmlich, ächzte leise auf, und das erschreckte ihn so, dass er zusammenfuhr, als hätte sie nach ihm geschlagen. Die beiderseitige Anspannung löste sich erst, als Marina trocken losprustete, worauf wir schon mit angehaltenem Atem gewartet hatten. Heiner Flögesheim kann unmöglich geglaubt haben, dass sein meckerndes Einstimmen in unser Gelächter auch nur ein Gramm seiner Würde hätte retten können, aber er tat es unbegreiflicherweise trotzdem.
Wir waren allesamt keine großen Talente im Tennisspiel. Marinas Freund Wig noch am ehesten, aber auch er hütete sich, dabei allzu viel Spaß an den Tag zu legen und so womöglich in den fürchterlichen Ruch der Ehrgeizigkeit zu geraten. Adam war auf dem Platz ständig in Gefahr, den Ball ins Gesicht zu bekommen und sich dabei die unglaublichsten Blutergüsse zuzuziehen, weshalb er sich darauf verlegte, abseits des Platzes seine Kunstfertigkeit im täuschend echten Nachahmen von Verdauungsgeräuschen mit Hilfe eines Strohhalms und eines fast leeren Limonadeglases zu vervollkommnen. So wenig mit uns anzufangen war, was das Tennisspiel betraf – keiner von uns ließ sich entgehen, zuzusehen, wenn Eugen Kastenbauer ein Match bestritt.
Der Kreiskommissar war eine Legende. Wenige Jahre nachdem man ihm den Unterschied zwischen Vor- und Rückhand erklärt hatte, gab es im ganzen Club praktisch niemand mehr, der ihn schlagen konnte. Nicht, dass er ein wirklich guter Tennisspieler gewesen wäre. Die erprobten Clubchampions konnten ihn nach Belieben über den Platz jagen, linke Ecke, rechte Ecke, vor, zurück, der schmale Mann rannte wie ein Hase, schrie vor Anstrengung beim Lupfen des mit letzter Not erreichten Balls, rappelte sich wieder auf, stürzte nach vorn und löffelte den Ball knapp vor dem Netz wieder in die Höhe, schlitterte zurück, rang mit einem fast schluchzenden Geräusch nach Luft, die dünnen Lippen zurückgefletscht, die grauen Augen zusammengekniffen gegen den Schweiß, der ihm von der Stirn troff. Er halte den Schläger wie einen Teppichklopfer, pflegte Flögesheim kopfschüttelnd zu kommentieren, Ballkontrolle gleich Null, das Ding fliege irgendwo hin, Hauptsache weg damit. Aber was er nicht erklären konnte, der Heiner Flögesheim, war die Tatsache, dass der Ball jedes Mal wieder im Feld des Gegners landete, mittendrin. Und wenn auf diese Weise die souveränen Meister der Ballbeherrschung drei- oder viermal ihren unretournierbaren Lob auf unbegreifliche Weise wieder zurückkommen und ihren schon gewonnen geglaubten Satz um einen weiteren Ballwechsel verlängert sahen, dann begannen sie sich zu ärgern, und wenn man sich ärgert, dann schlägt man kräftiger auf den Ball als nötig, der Ball geht ins Aus, und man verliert.