UNTER BESCHUSS

Niemand war überrascht, als das Innenministerium ein Disziplinarverfahren gegen den mit sofortiger Wirkung vom Dienst suspendierten Kreiskommissar anordnete. Zu niederschmetternd war das Ergebnis der Ettengruber Aktion ausgefallen, als dass dem Minister eine andere Wahl geblieben wäre: Ein weiterer Polizist tot, die Obrigkeit der Lächerlichkeit preisgegeben, die katholische Presse auf Wochen mit Stoff für Satiren, Spottgedichte und Karikaturen versorgt und Pascolini flüchtig – entkommen im Rollstuhl, holterdiepolter die Stufen vor dem Kirchtor hinab inmitten der hysterisch kreischenden, übereinanderstürzenden, fliehenden Geiseln, unerkannt in dem schwarzen Witwenkleid, das er übergeworfen hatte und eigentlich einer uralten Kirchgängerin namens Maria Zapf gehörte, deren zitternden Greisinnenkörper, entkleidet bis auf die Unterwäsche, man später in der Sakristei fand.

Zwanzig Minuten lang hatten die Polizisten das Gotteshaus unter Feuer genommen. Sämtliche Fenster waren zu buntem Glitzerstaub zerschossen, der Außenputz zernarbt und überpustelt von Einschusskratern, die geschnitzte eichene Kirchentür aufgesplittert wie Bruchholz. Der Innenminister hatte zu seiner unaussprechlichen Pein persönlich beim Erzbischof wegen dieses Sakrilegs vorsprechen müssen, und obwohl er glaubte, als verdientes und langjähriges Mitglied der Marianischen Männerkongregation zu den sieben Schmerzen der heiligen Jungfrau hoch in der Gunst des allergnädigsten Kirchenfürsten zu stehen, hatte ihm dieser erst seinen Ring zum Kuss reichen wollen, als er ihm Kastenbauers Suspendierung nicht nur versprochen, sondern auch ausgefertigt und unterschrieben vorgelegt hatte.

Kastenbauer hatte, nachdem er das von Bogenschütz überbrachte Angebot einer Aussprache mit Pascolini unter vier Augen gründlich erwogen hatte, den Befehl erteilt, ihm Feuerschutz zu geben. Als er sich auf zwei Schritte dem Portal genähert hatte, öffnete sich die Tür. Heraus trat Hias, nackt und mit erhobenen Händen zum Zeichen seiner Wehrlosigkeit, mit dem friedfertigsten Lächeln der Welt im Gesicht und zutraulich in die Stirn gezogenen Augenbrauen, trat auf Kastenbauer zu, als wollte er ihn in die Arme schließen, was er zur vollkommenen Verblüffung der angespannt zielenden und blinzelnden Polizisten auch tat. Und die Polizisten hoben offenen Munds ihre Köpfe, senkten ihre Waffen angesichts dieser Szene der Versöhnung zwischen diesem nackten Mann und ihrem schmalen kleinen Kommissar, und ehe sie noch begriffen, was sich da abspielte, hatte Hias Kastenbauer beim Kragen gepackt, mit einem Ruck ins Kircheninnere gezogen, und mit trockenem Knall fiel die Tür ins Schloss. Ein, zwei Pulsschläge später fingen sämtliche Polizisten gleichzeitig an, aus allen zur Verfügung stehenden Rohren zu schießen.

Man fand Kastenbauer nach dem Ende der Belagerung auf der Empore hinter der Orgel, seinerseits nackt und ohne sichtbare Verletzungen, aber bewusstlos. Was ihm in den zwanzig Minuten widerfahren war, weiß kein Mensch. Fest steht, dass zu diesem Zeitpunkt die restlichen Buben längst entkommen waren, durch einen Entwässerungsschacht unter der Krypta. Als ehemalige Ministranten kannten sie ohnehin alle Hohlräume und Verstecke des spätbarocken Sakralbaus, und einer unter ihnen, Sohn eines Klempners, war einst seinem Vater bei Erneuerungsarbeiten an dem Kanal zur Hand gegangen. Einer musste zurückbleiben, um den Kanaldeckel wieder an Ort und Stelle zu platzieren und dafür zu sorgen, dass die vermeintlichen Geiseln nicht die Nerven verloren, und das war Hias gewesen. Er hatte unter den vom Dauerbeschuss weidlich zermürbten Ettengrubern ausgeharrt und ihnen mit lustigen Bemerkungen und aufmunternden Scherzen Mut gemacht, nicht ohne ihnen das Versprechen abzunehmen, ihn nicht an die Grünfräcke zu verraten, woran sich alle hielten, sehr zum Stolz des Freiherrn von Ergoldsbach, der bei seiner Schilderung dieses Vorfalls im Übrigen im Großen und Ganzen überraschend nahe an der Wahrheit bleibt.

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